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Die Vorgabe ist eindeutig: volle Konzentration. Die Profis des VfB Stuttgart sollen vor den beiden Relegationsspielen gegen den 1. FC Union Berlin "alle anderen Dinge nebendran ausblenden". So hat es Nico Willig gesagt.

Aber am Montagabend hat der Trainer dann selbst woanders hingeschaut, nicht auf die so immens wichtigen Entscheidungspartien um den Klassenerhalt in der Bundesliga. Willig hat zwei Mannschaften im Herzen. Die Profis, die er als bereits dritter Trainer in dieser missratenen Saison retten soll. Und die U19 des VfB, von der er zum Bundesliga-16. abkommandiert wurde.

Willigs A-Junioren stehen im Finale

Die A-Junioren schafften am Montag in einem Elfmeter-Krimi beim VfL Wolfsburg den Einzug ins Finale um die deutsche Meisterschaft. Nico Willig war am Fernseher mit dabei. "Die Wände haben gewackelt", berichtete er am Dienstag. "Es gab den einen oder anderen Jubelschrei." Nach der Relegation wird Willig zu den VfB-Junioren zurückkehren. Der neue Trainer bei den Profis heißt Tim Walter.

Ihm möchte der Interimscoach ein Erstligateam übergeben. Deshalb hat Nico Willig neben dem Juniorenspiel vor allem ganz, ganz viele Spielszenen des Zweitliga-Dritten Union Berlin angeschaut. Es geht um viel, für den Club, die Fans, die Region. Willig weiß, dass der Erfolgsdruck enorm ist. Er will dem entsprechen. "Wenn wir uns alle in den Armen liegen vor Freude, ist das ein gutes Bild." So hat er sich das Happy End ausgemalt, zu dem es am Montag nächster Woche beim Rückspiel in Berlin kommen soll.

Mit breiter Brust soll sein Team die Aufgabe angehen

Aber erst einmal geht es an diesem Donnerstag (20.30 Uhr, Eurosport Player) darum, zu Hause ein gutes Ergebnis vorzulegen. Mit breiter Brust soll sein Team die Aufgabe angehen. "Wir haben was geleistet in den letzten Wochen", sagt der Trainer. In vier Spielen wurden immerhin sieben Punkte geholt. Es gab nur eine Niederlage. Zur Erinnerung: "Ich hab/’/s nach einem Nullsechs übernommen." Das Debakel in Augsburg bedeutete den Rauswurf von Markus Weinzierl.

Nico Willig hat schnell Rückhalt gehabt in der Mannschaft. "Wir als Gruppe vertrauen uns." Man habe "eine Wellenlänge gefunden", auf der man gemeinsam agieren könne. Bei Weinzierl war das nicht mehr der Fall. Willig hat versucht, den Spielern positives Denken einzuimpfen. Das tut er immer noch.

Die Relegation ist in seinen Augen keine Drohkulisse, auch wenn es natürlich sportliche Hochrisikospiele sind. Der Abstieg wäre ein immenser Rückschlag für den VfB. Doch Willig betont das Gute. "Wir müssen dankbar sein für diese Chance." Mit nur 28 Punkten aus 34 Spielen wären die Stuttgarter in vielen anderen Jahren direkt abgestiegen. Aber noch ist nichts vorbei. "Wir können jetzt was gewinnen." Wenn die Leistung stimmt. Nico Willig erwartet von den Spielern, "dass sie ganz genau auf den Tag X bereit sind, eine Top-Leistung abzurufen. Den Eindruck habe ich."

Der Berliner Frust muss kein Vorteil für den VfB sein

Den 1. FC Union hat er intensiv analysiert. "Das ist eine ganz, ganz harte Nuss." Die Mannschaft des Zweitliga-Dritten sei kampfstark, "bis zur allerletzten Sekunde", "sie verteidigen ihr Tor super", Union sei "sehr, sehr kompakt" auf dem Platz. Der Berliner Frust über den ganz knapp verpassten direkten Aufstieg müsse nicht zwingend zu einem Vorteil für den VfB werden. "Das kann auch zu einer Trotzreaktion führen."

Also: volle Konzentration auf Stuttgarter Seite. Und nicht Vollgas geben. Denn das ersehnte Happy End für den VfB erfordere "neben dem heißen Herz auch einen kühlen Verstand". Cleverness ist auch wichtig. "Es ist nicht nur der Donnerstag, es sind zwei Spiele." Für Willig ist klar: "Man braucht eine gewisse Geduld." Da könnten die A-Junioren als Vorbild dienen. Nach einem Unentschieden zu Hause gab es auch in Wolfsburg ein Remis nach 90 Minuten. Und dann den großen Jubel beim Elfer-Thriller.

Mercedes-Benz Bank bleibt Hauptsponsor

Im Bundesliga-Fußball geht es um Siege, Titel, Ruhm und Ehre. Aber auch um viel Geld. Noch fehlt dem VfB Stuttgart der finale Nichtabstiegs-Erfolg. Doch gesichert ist immerhin, dass der Daimler-Konzern als Anker-Geldgeber weiterhin hohe Summen auch als Trikotsponsor überweisen wird. Der Schriftzug Mercedes-Benz Bank wird auf der Brust der Profis bleiben. Der Vertrag wurde nun um vier Jahre verlängert.

Dieses Sponsoring soll dem VfB zuletzt bis zu acht Millionen Euro pro Jahr eingebracht haben. In diesem Bereich würden die Zahlungen bleiben, sollte der VfB nicht in die 2. Liga absteigen. Im Misserfolgsfall gäbe es einen deutlichen Abschlag. Auch auf dem Ärmel ist der Daimler-Konzern künftig vertreten. VfB-Präsident Wolfgang Dietrich sieht darin "ein klares Signal für das Vertrauen in den VfB und seine Führung". Jochen Röttgermann, der Marketingvorstand des Bundesligisten, sagte: "Wir schätzen uns glücklich, mit Daimler ein weltweites Aushängeschild des Wirtschaftsstandortes Deutschland an unserer Seite zu haben, welches sich klar zu seinen Wurzeln und zum VfB Stuttgart bekennt." Die Daimler AG hält auch Anteile an der 2017 ausgelagerten Profifußball-Aktiengesellschaft des VfB.

Wenn der VfB Stuttgart am Donnerstagabend auf den 1. FC Union Berlin trifft, berichten wir auf stimme.de in einem Live-Blog aus dem Stadion.

Nach dem Saisonende hat sich Alexander Rosen als Direktor Profifußball bei der TSG 1899 Hoffenheim mehr als eine Stunde Zeit für dieses Interview genommen.

Herr Rosen, wo wurde mehr Adrenalin freigesetzt: Bei ihrer gemeinsamen Canyoning-Tour mit Julian Nagelsmann oder beim nervenaufreibenden letzten Bundesliga-Spieltag?

Alexander Rosen: Grundsätzlich ist der Adrenalinspiegel in der Bundesliga schon recht hoch und am letzten Spieltag einer Saison vielleicht noch etwas höher. Wenn man allerdings vor einem Sprung in rund 15 Meter Tiefe steht oder sich aus 30 Metern abseilen muss, dann ist das Level durchaus vergleichbar und definitiv ein besonderes Erlebnis. Wir haben das als persönlichen Abschluss einer fast zehnjährigen gemeinsamen Zeit gemacht. Für mich galt es die Herausforderung zu meistern, wie ich den Extremsport-Liebhaber Julian Nagelsmann an seine Grenzen bringen kann.

Eine Grenzerfahrung war auch das Bundesliga-Finale: Wie ist Ihre Gefühlslage?

Rosen: Es fühlt sich immer noch nicht gut an. Man denkt: Es kann nicht sein, dass wir Neunter sind, wir haben 51 Punkte, eine Tordifferenz von +18 und laut Statistik fast 300 Torchancen herausgespielt - nur Bayern ist da besser. Aber unsere Effektivität war einfach schlecht.

Wie beeinträchtigt das Verpassen der Europa-League-Plätze Ihre Kaderplanung?

Rosen: Es wird tendenziell eher die Größe des Kaders beeinflussen als den Lizenzspieleretat. Tatsächlich ist es so, dass wir nicht nur im laufenden Geschäftsjahr enorme Erträge generiert haben, sondern auch in den Jahren davor. In der Vorsaison wurde ein Überschuss in Höhe von 28 Millionen Euro realisiert - das ist herausragend. Nicht zuletzt durch die Transfers von Nico Schulz (für 27 Millionen Euro nach Dortmund) und Kerem Demirbay (für 32 Millionen Euro nach Leverkusen, jeweils Anmerkung der Redaktion) sind wir auch für die kommenden Jahre in einer sehr stabilen Ausgangslage. Deshalb wirft es uns wirtschaftlich auch nicht aus der Bahn, dass wir das internationale Geschäft nicht erreicht haben.

Müssen Sie ohne die Europa League mehr Überzeugungsarbeit leisten, um Spieler halten zu können?

Rosen: Es mag sein, dass dieses Thema im Einzelfall eine übergeordnete Bedeutung haben kann. Unsere Jungs wissen aber sehr genau, was sie hier haben - und was möglich ist. Es muss schon viel passieren, dass Spieler uns verlassen und ich nehme wahr, dass wir uns Jahr für Jahr in der Nahrungskette nach oben gearbeitet haben.

Es wird aber immer wieder verlockende Angebote geben.

Rosen: Das ist richtig und da müssen wir uns auch nichts vormachen. Wir haben allerdings die Kraft "Nein" zu sagen, weil wir in allen Bereichen gewachsen sind - auch im Hinblick auf den Etat. Wir versuchen, die Erträge mit Augenmaß zu investieren und es ist von elementarer Bedeutung, den sogenannten internen Transfermarkt (Gehaltserhöhungen für eigene Spieler, Anmerk. der Redaktion) nicht zu vernachlässigen. Im Endeffekt liegen wir mit Tabellenplatz neun sportlich genau da, wo wir im Hinblick auf die Ausgaben für das kickende Personal stehen. Trotzdem ist das nicht das, was wir wollen. An die ersten sieben Clubs werden wir in finanzieller Hinsicht kurzfristig nicht herankommen. Diese Teams bewegen sich teilweise in völlig anderen Dimensionen.

Also könnten Sie auch "Nein" sagen, wenn Topstürmer Andrej Kramaric mit einem lukrativen Angebot eines Champions-League-Clubs vorstellig werden würde?

Rosen: Ja, wir können "Nein" sagen. Trotzdem gibt es bei jedem Spieler persönliche Beweggründe, die man als Verantwortlicher nicht einfach negieren kann. Übertrieben gesprochen: wenn etwa Real Madrid 200 Millionen Euro Ablöse, ein Gehalt von 20 Millionen Euro netto und für Andrej die Nummer 10 bieten würde, dann könnte man diesen Transfer wohl nicht verhindern.

Gibt es aktuell Anzeichen, dass ein weiterer Leistungsträger gehen könnte?

Rosen: Nein, die gibt es nicht.

Kann es sein, dass Sie jetzt auch einmal in ein höheres Regal greifen und einen teureren Profi holen?

Rosen: Das ist durchaus im Bereich des Möglichen. Bisher war Andrej Kramaric mit knapp elf Millionen Euro Ablöse unser Rekordeinkauf. Der nächste Rekord wird sicher nicht bei 25 Millionen liegen, vielleicht werden es irgendwann einmal 15 Millionen. Diese Kraft haben wir. Aber man muss sehr aufpassen, denn wenn man sich in diesen Regionen bewegt, dann steht dahinter zumeist auch ein exorbitant hohes Gehalt und dieses hat dann einen Effekt auf das ganze Gefüge.

In der Vergangenheit hieß es immer, es müssten aus jeder Saison etwa 20 Millionen Euro erlöst werden, um den Laden am Laufen zu halten. Haben Sie die 20 Millionen damit "schon drin"?

Rosen: Es sind nicht ganz 20 Millionen, aber wir haben unsere wirtschaftlichen Hausaufgaben erneut gemacht. Wir haben diese Vorgaben zuletzt immer erfüllt. Dieser Kader hat zudem auf Jahre hinaus einen großen Wert. Nehmen wir als Beispiel Joelinton. Da gab es im Winter schon ein konkretes Angebot in Richtung 50 Millionen Euro.

Stand Alfred Schreuder schon von Beginn an auf der Trainerliste?

Rosen: Nachdem er hier weg war, hielten wir trotzdem weiter Kontakt. Bereits im Herbst habe ich ihn darauf angesprochen und ihm gesagt, dass er sich einmal Gedanken über den Cheftrainerposten in Hoffenheim machen solle. Danach waren wir immer im Austausch. Es war nie eine überlange Namensliste an Trainern. Alfred war immer mit dabei.

Alfred Schreuder soll die Philosophie des Klubs weiterführen, aber es gibt sicherlich auch Dinge, die man besser machen kann...

Rosen: "Anders" mag ich in diesem Zusammenhang lieber als "besser". Es geht also nicht darum, was Alfred Schreuder alles anders machen soll, aber es wird definitiv etwas anders werden. Alleine dadurch, dass Alfred Schreuder ein anderer Mensch ist. Er ist knapp 15 Jahre älter, mehrfacher Familienvater, der einen schweren Schicksalsschlag erlebt hat. (Tochter Anouk starb 2006 mit sechs Jahren an einem Gehirntumor, Anmerkung der Redaktion.)

Alfred Schreuder ist nicht der Entertainer, der Julian Nagelsmann ist. Haben Sie Sorge, dass Hoffenheim nun ein Stück weit unsexy wird?

Rosen: Es gibt ja noch mich (lacht). Aber Spaß beiseite: Was das betrifft, habe ich überhaupt keine Sorge. Natürlich würde jeder, der versucht, wie Julian zu sein, scheitern. Aber ich glaube, gerade deshalb tut es gut, die Arbeit mit Alfred Schreuder fortzusetzen, einer gefestigten Persönlichkeit mit einem hervorragenden Charakter. Sicher gibt es in der Zukunft die eine oder andere Story weniger über einen verrückten Anzug oder einen roten Mantel. Viel wichtiger ist aber doch die Arbeit auf und neben dem Platz.

Sie haben Ihren Vertrag bis 2023 verlängert. Gab es nicht die Überlegung: Mit der Ära Nagelsmann endet auch meine eigene hier?

Rosen: Ich bin mit meinem Job hier sehr zufrieden. Ich darf hier in einem starken Team mit vielen Freiheiten gestalten und spüre großes Vertrauen. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir diese Frage nicht gestellt hätte. Ich würde noch mehr lügen, wenn ich behaupten würde, dass es keine anderen Optionen für mich gab. Mich würde natürlich irgendwann einmal reizen, in einem großen Club zu arbeiten, der Jahr für Jahr um Titel spielt. Es muss aber sehr viel passen, dass ich sagen würde: Das ist es jetzt für mich.

Was trauen Sie denn Julian Nagelsmann in Leipzig zu?

Rosen: Er findet dort ein ruhiges, hochprofessionelles Umfeld mit vielen finanziellen Möglichkeiten vor, die viel besser sind, als manch einer der Verantwortlichen gerne vorgibt. Es trifft also ein außergewöhnlicher Trainer auf einen hochveranlagten Kader in einem solventen Umfeld. Ich denke, da ist viel möglich.

Es geht in die Verlängerung. Noch zwei Spiele mehr, dann wird die Entscheidung gefallen sein, ob der VfB Stuttgart in die 2. Liga absteigen muss. Sportvorstand Thomas Hitzlsperger demonstriert Optimismus: "Wir wollen an die Leistungen der vergangenen Bundesliga-Heimspiele anknüpfen, selbstbewusst auftreten und mit unseren Fans im Rücken am Donnerstag in der Mercedes-Benz Arena gut in die Relegation starten." Am 27. Mai kommt es dann in Berlin zum entscheidenden Rückspiel. Die Profis des 1. FC Union müssen nach dem nicht geschafften direkten Aufstieg möglichst schnell ihren Frust abbauen. "Für den VfB geht es ums Überleben in der ersten Liga, für uns geht es darum, Geschichte zu schreiben", sagt der Berliner Offensivspieler Joshua Mees.

Pro: Der VfB Stuttgart wird den positiven Trend der vergangenen Wochen mit in die Entscheidungsspiele nehmen

Von Florian Huber

Seit dem Trainerwechsel kann der VfB Stuttgart wieder zu null spielen. In drei von vier Partien unter Nico Willig ist der Mannschaft genau dies gelungen. Diese neue Defensiv-Stabilität dient als Basis, sie verleiht dem fragilen VfB-Gebilde jenes Selbstvertrauen, das unter Tayfun Korkut und Markus Weinzierl nie vorhanden war. Natürlich war die Saison enttäuschend, aber seit Wochen weiß man in Bad Cannstatt um diese Chance und geht mit dem positiven Trend der vergangenen Wochen in die zwei Entscheidungsspiele. Union Berlin hingegen muss mit der Enttäuschung des so knapp verpassten Aufstiegs klar kommen.

Der VfB Stuttgart wird im Relegations-Hinspiel den Heimvorteil von 60.000 Fans nutzen, weil diese ein Gespür dafür haben, dass ihre Mannschaft genau jetzt viel Unterstützung braucht. Den Hinspiel-Vorsprung verteidigt der VfB Stuttgart auch in Köpenick - und bleibt knapp drin in der Bundesliga.

Contra: Der VfB Stuttgart hat enorme Probleme, Tormöglichkeiten herauszuspielen und zu verwerten

Von Andreas Öhlschläger

Jaja, schon klar: Es ist in den letzten Jahren immer gut ausgegangen für den abstiegsbedrohten Erstligisten, der in die Relegation musste. Hoffenheim (2013), der HSV (2014, 2015), Eintracht Frankfurt (2016) und der VfL Wolfsburg (2017, 2018) waren erfolgreich, sind nicht abgestiegen. Doch den VfB Stuttgart wird es erwischen.

Warum? Da gibt es zwei ganz wesentliche Gründe. Erstens sind fürs sportliche Überleben Tore nötig, möglichst viele. Die enormen Probleme des VfB beim Herausspielen und Verwerten von Tormöglichkeiten werden sich aber in den letzten beiden Spielen dieser missratenen Saison nicht in Luft auflösen. Zweitens fehlt es der Stuttgarter Mannschaft an Auswärtsstärke. Nur ein Sieg in 17 Bundesliga-Partien - das ist eine Absteiger-Bilanz. Die Relegations-Entscheidung wird am 27. Mai in Berlin fallen. Danach ist der VfB Zweitligist.

Die Nachholpartie FSV Schwaigern II gegen SGM Massenbachhausen II am heutigen Dienstagabend wurde wegen der starken Regenfälle abgesagt. Neuer Termin ist der 29.Mai 2019 um 19:00 Uhr.

Vier verschiedene bewegte Bilder. Alle vom gleichen Spiel, im gleichen Moment aufgenommen. Aus vier verschiedenen Himmelsrichtungen, mit vier verschiedenen Brennweiten und vier verschiedenen Kamerapositionen. 90 Minuten Konzentration sind von der einen Person gefragt, die das Ganze im Auge behalten muss. Dass das kein System ist, das vor Fehlern gewappnet ist, leuchtet ein.

Und: "Dem Mann im Kölner Keller verzeiht man keine Fehler. Da schon eher den Schiris draußen auf dem Feld", sagt Lutz Wagner. Der 56-Jährige war knapp 20 Jahre lang Bundesligaschiedsrichter.

Der Kölner Keller ist in Igersheim an die Wand projiziert

Er ist zusammen mit Bibiana Steinhaus, einzige Schiedsrichterin in der Bundesliga, und dem ehemaligen Bundesligaschiedsrichter Lutz Kircher zu einer Podiumsdiskussion nach Igersheim gekommen. Wagner stellte dort die Situation im Kölner Keller nach. Er projizierte verschiedene Spiele an die Wand, das Publikum sollte entscheiden, in welchem der vier Quadrate das Foul passiert. Gar nicht so einfach. Kaum einer lag richtig.

Wagner zeigte noch andere Beispiele: Die Zuschauer sollten weitere Spielsituationen anhand der Bildschirme beurteilen. Jeder durfte die vorher ausgeteilten roten und gelben Karten heben, je nachdem, wie er das an die Wand projizierte Foul einschätzte. Die Antworten waren sehr heterogen. "Sie sehen jetzt, wie ich anhand der Auswahl von Bildern, Kameraposition, Geschwindigkeit und Anhaltezeitpunkt die Bilder so hinmanipuliert habe, dass ich genau die Aussage von Ihnen bekommen habe, die ich mir anfangs gewünscht habe", sagt Wagner und zeigt damit eindrücklich die Schwierigkeiten des Videoassistenten auf.

Wie ein Airbag: Gut, dass es ihn gibt, brauchen will man ihn aber nicht

Für Bibiana Steinhaus ist der Videoassistent ein "Riesen-Support" und ein "tolles Hilfsmittel". "Das ist wie mit dem Airbag im Auto. Wir haben ihn alle, sind aber trotzdem froh, wenn wir ihn nie brauchen werden. Genauso geht"s dem Schiedsrichter mit dem Videobeweis. Das ist ein gutes Gefühl", sagt die 40-Jährige. Gerade in der Bundesliga gab es aber auch immer wieder Kritik bezüglich des Videoassistenten.

"Überall wird gesagt, die WM war besser als die Bundesliga. Das ist falsch. Die Bundesliga wird nur anders gesehen, weil man persönlich davon betroffen ist", sagt Wagner. "Wenn Sie ein WM-Spiel sehen, beispielsweise Senegal gegen Japan, und dann klappt irgendwas nicht beim Videoschiedsrichter, das wirft hier niemanden so richtig um. Wenn aber bei Bayern München was nicht klappt, dann wird gleich darüber berichtet."

Warum Fehler beim Videobeweis gar nicht so schlimm sind

Und er kann es mit Zahlen belegen. Pro Spiel habe es in der Bundesliga dieses Jahr 1,3 Eingriffe durch den Videoschiedsrichter gegeben. "Von diesen bis jetzt 91 Eingriffen sind 79 positiv bewertet worden durch den Videoschiedsrichter, das heißt: Die sind zum richtigen Ergebnis gelangt. Bei acht oder neun sind wir, das muss man auch sagen, trotz Videoschiedsrichter, nicht zu dem richtigen Ergebnis gekommen", sagt Wagner.

Lutz Kircher erinnert daran, warum der Videobeweis überhaupt eingeführt wurde. "Da war das Phantomtor von Hoffenheim", sagt Kircher, als Leverkusens Stürmer Stefan Kießling beim 2:1 Auswärtssieg gegen Hoffenheim nur das Außennetz traf. Durch ein Loch fiel der Ball hinter die Linie. Das Tor zählte. Oder als beim Spiel Köln gegen Hannover Leon Andreasen ein Tor mit dem Unterarm schoss und keiner es gesehen hat. Zwar biete auch der Videoassistent keine hundertprozentige Sicherheit, aber das habe auch seine Vorteile: "Sonst könnten wir sonntagsabends an den Stammtischen nicht über Fußball diskutieren und montagmorgens müssten wir dann gleich anfangen zu arbeiten", sagt Kircher und lacht.

Der FSV Hollenbach ist seit Samstag wieder mittendrin im Aufstiegskampf. Die Tabellenspitze der Verbandsliga hat sich weiter verdichtet. Während die Hollenbacher ihre Auswärtsaufgabe beim SSV Ehingen-Süd mit einem 1:0-Sieg erledigten, patzte das Spitzenduo.

Tabellenführer Sportfreunde Dorfmerkingen hat nach dem 0:1 in Neckarrems, der zweiten Niederlage in Folge, nur noch zwei Punkte Vorsprung auf die punktgleichen Verfolger Hollenbach und der mit dem besseren Torverhältnis auf Rang zwei stehenden SKV Rutesheim, die in Tübingen 0:0 spielte.

Am Freitag steh das direkte Duell an

"Wenn ich jetzt auf die Tabelle schaue, wird mir schwindlig", sagte Manager Karl-Heinz Sprügel. "Aber wir haben noch drei schwere Spiele." Bereits am Freitagabend geht"s zum direkten Duell nach Dorfmerkingen. Vor einigen Wochen, nach der 1:3-Niederlage bei Calcio Leinfelden-Echterdingen, schien der Titelkampf für die Hollenbacher erledigt.

Dass die bis dahin ungeschlagenen Dorfmerkinger im Saison-Endspurt gleich zwei Niederlagen in Folge kassieren würden, war auch nicht zu erwarten.

Hollenbach macht zuzeit wenig Fehler

"Wir haben insgesamt eine gute Leistung gezeigt und verdient gewonnen", berichtete Sprügel aus Ehingen. "Wir gewinnen zurzeit, weil wir keine entscheidenden Fehler machen. Wenn wir unsere Leistung bringen, sind wir schwer zu schlagen." So war es auch in Ehingen.

Die Hollenbacher ließen sich auch durch Anfahrtsprobleme nicht aus dem Tritt bringen. Ein Stau bremste den Mannschaftsbus auf der Autobahn aus. "Wir haben angerufen und Bescheid gegeben", sagte Sprügel. Eine Dreiviertelstunde vor Spielbeginn trafen die Gäste ein, die Partie begann eine Viertelstunde später als geplant. Und die Hollenbacher gaben gleich Gas. "Wir waren hellwach", sagte Sprügel.

In der ersten Halbzeit hatten die Hollenbacher leichte Vorteile und gingen durch Michael Kleinschrodt in Führung. Es war eine einstudierte Ecke, die Kleinschrodt (10.) per Kopf über die Linie drückte. "In der ersten Halbzeit waren wir schon feldüberlegen", sagte Sprügel.

Doch im Spiel nach vorne fehlten oft Genauigkeit und Konsequenz. So kamen die Hollenbacher kaum zu klaren Chancen. In der 16. Minute rettete FSV-Torhüter Philipp Hörner bei einem Eckball. Und auch Mitte der ersten Halbzeit und kurz vor dem Pausenpfiff wurde es nochmal gefährlich.

Es fehlt etwas der Zugriff

"Das Spiel war insgesamt nicht so gut von uns wie gegen Neckarrems", sagte Trainer Martin Kleinschrodt . "Wir hatten nicht so den Zugriff auf den Spielaufbau." Nach der Pause erhöhte Ehingen den Druck. Doch Hollenbach hielt stand. Auch, weil die Abwehrreihe um Marc Zeller und Timo Brenner sicher stand. So ließen die Hollenbacher nach rund einer Stunde kaum noch etwas zu. "Die agierten vor dem Tor etwas unglücklich", sagte Kleinschrodt. So hatten auch die Gastgeber kaum klare Möglichkeiten. "Wir haben das gut heimgeschaukelt", sagte Sprügel.

Zufrieden schaute Kleinschrodt in Richtung Endspurt: "Wir haben nichts zu verlieren. Die anderen haben vielleicht etwas Muffesausen."

SSV Ehingen-Süd: Benjamin Gralla, Stefan Hess, Fabio Schenk, Fabian Sameisla, Danijel Sutalo (85. Lukas Schick), Timo Barwan, Philipp Schleker, Max Vöhringer, Jan-Luca Daur, Semir Telalovic, Hannes Pöschl (76. Aaron Akhabue).

FSV Hollenbach: Philipp Hörner, Marius Uhl, Timo Brenner, Marc Zeller, Dennis Hutter, Arne Schülke, Lorenz Minder, Michael Kleinschrodt, Christoph Rohmer (69. Fabian Czaker), Jan Ruven Schieferdecker (84. Markus Herkert), Sebastian Hack (68. Jonas Limbach)..

Tor: 0:1 Michael Kleinschrodt (10.).

Schiedsrichter: Manuel Mahler (Bietigheim).

Die Öhringer hatten es gestern ganz und gar nicht eilig. Oftmals waren sie in dieser Landesliga-Saison schon hurtig aufgebrochen. Wollten einfach nur weg. Doch den Abend in Schwaikheim, den genoss die TSG in vollen Zügen. "Es ist schließlich unser erster Auswärtssieg überhaupt, wir werden noch ein bisschen da bleiben", verriet Trainer Wolfgang Guja lange nach dem Schlusspfiff glücklich.

Im Hintergrund feierten seine Spieler noch immer. Das deutliche 4:0 (2:0) beim Fünften. Big Points im Kampf um den Klassenerhalt. Und einen Mann: Alexander Overcenko.

In der 78. Minute dard der Matchwinner vom Platz

In der 78. Minute hatte Guja den Matchwinner ausgewechselt, "um ihm den Applaus zu schenken, den er sich verdient hat - und außerdem soll er ja nicht gleich sein ganzes Pulver verschießen". Drei Mal hatte Overcenko bei seinem ersten Startelf-Einsatz nach auskurierter Syndesmoseband-Verletzung immerhin getroffen, ehe ihn sein Trainer vom Feld rief.

Wolfgang Guja hatte vor dem wichtigen Spiel auf sein Gefühl gehört: "Auch wenn ihm noch ein paar Prozent fehlen, habe ich die Entscheidung getroffen, ihn von Anfang an spielen zu lassen." Ein gute Entscheidung, denn Alexander Overcenko war "der Türöffner". Mit einem echten Sonntagsschuss sorgte er nach 17 Minuten für das 1:0 gegen einen Gastgeber, dem anzumerken war, dass für ihn im Saisonendspurt eigentlich nichts mehr auf dem Spiel steht.

Endlich wieder nach einem Standard getroffen

Mit dem Wissen um den Gaisbacher Überraschungssieg bei Ligaprimus Fellbach im Gepäck war die Gefühlslage bei den Öhringern hingegen eine völlig andere. Spätestens bei Cedric Weyreters 2:0 in der 22. Minute war die große Anspannung aber vergessen. Dass der Treffer nach einer Ecke fiel, freute den TSG-Trainer zusätzlich: "Endlich mal wieder ein Standard." Von den Schwaikheimern kam hingegen wenig, sie hatten in der ersten Hälfte eigentlich kaum eine nennenswerte Möglichkeit.

Alexander Overcenko hätte bei einer Öhringer Großchance hingegen noch vor dem Pausenpfiff auf 3:0 stellen können. "Aber wenn wir von vier Chancen drei machen, dann bin ich trotzdem ganz zufrieden", sagte Guja schmunzelnd: "Alex hat uns vorne richtig gut getan."

Mit dem 3:0 zurück in der Spur

Gut tat den Öhringern auch, dass sie die ersten zehn, 15 Minuten nach Wiederanpfiff ohne Gegentreffer überstanden. "Das war unsere kritischste Phase", gestand der Trainer. Wieder war es Alexander Overcenko, der die TSG vom Druck befreite. Nach 58 Minuten machte er das wichtige 3:0 und brachte den Gast damit wieder in die Spur. Die Schwaikheimer Lust, ein wenig Spaßfußball zu zeigen, war damit gestorben.

Stattdessen setzte Overcenko mit dem 4:0 und seinem dritten Treffer den Schlusspunkt. Nach acht Spielen ohne Sieg brachte er seine Öhringer wieder zum Erfolg. Der Jubel sollte an diesem Abend noch eine ganze Weile nachhallen.

TSG Öhringen: Overkamp, Weyreter, Rup, Overcenko, Hofmann, Deibert, Scholta, Ceesay (83. Kasaj), Bäuerle, Della Rocca (83. Pacaci), Schropp; Tore: 1:0 Alexander Overcenko (17.), 2:0 Cedric Weyreter (22.), 3:0 Overcenko, (58.), 4:0 Overcenko (78.).

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