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Sieben Thesen, was jetzt im deutschen Profifußball passieren sollte

Bilanzexperte Ludwig Hierl von der DHBW Heilbronn ist für einen Solidaritätstopf der DFL, der sich aus Transfer- und Gehälterabgaben zusammensetzt. Wie sinnvoll ist eine Deckelung der Ablösesummen und Gehälter?

Unser Redakteur Florian Huber hat sieben Thesen zum Profifußball in der aktuellen Situation aufgestellt. Professor Dr. Ludwig Hierl von der DHBW Heilbronn bewertet als Experte für die Bilanzanalyse von Fußballclubs diese Thesen ausführlich und bezieht Stellung.

These Nummer eins: Fußball ist systemrelevant, darum muss der Ball bald wieder rollen.

Ludwig Hierl: Es ist davon auszugehen, dass es zahlreiche Menschen gibt, die den Fußball derzeit als Lebensinhalt vermissen. Von der Bundesregierung sowie den jeweiligen Landesregierungen soll an diesem Donnerstag geklärt werden, ob der Profifußball zu sehr aus rein kommerziellen Überlegungen argumentiert und eine unzulässige Ausnahmerolle beansprucht. Die Angst der Politik vor einer zweiten Ansteckungswelle ist nachvollziehbar. Eine Spielbetriebsfreigabe - selbst unter strengsten Auflagen - könnte der Bevölkerung ein trügerisches Signal der Entspannung senden.


These Nummer zwei: Ohne Spielbetrieb wird es zahlreiche Insolvenzen im Profifußball geben.

Hierl: Der deutsche Profifußball muss sich die kritische Frage gefallen lassen, warum trotz traumhafter Rahmenbedingungen keine finanzielle Krisenvorsorge möglich war. Die Bundesliga hat gemäß des DFL-Reports 2020 den 15. Umsatzrekord nacheinander ausgewiesen. Vom Sommermärchenjahr 2006 bis 2019 konnten die Erlöse von 1,29 Milliarden Euro auf 4,02 Milliarden Euro mehr als verdreifacht werden. 14 von 18 Erstligisten erzielen mehr als 100 Millionen Euro Umsatzerlöse. Zur Einordnung: Vor 20 Jahren war Real Madrid der einzige Club weltweit, der diese Größenordnung erreichte.


These Nummer drei: Für Liquidität ohne Einnahmen müssen neue Ideen her.

Hierl: Dafür gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Schalke 04 und andere Clubs nutzen zum Beispiel bereits moderne Finanzierungsinstrumente wie Fan-Anleihen. Darüber hinaus gibt es kreative Optionen. 2009 konnte man den Transfer von Lukas Podolski von Bayern zurück nach Köln durch den Erwerb von sogenannten "Poldi-Pixeln" mitfinanzieren. Ähnlich wie zuletzt beim VfB Stuttgart vollzogen, könnten Schalke und die anderen in der Rechtsform eines Vereins verbliebenen Clubs ihre Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft ausgliedern und sich so die Möglichkeit zur Gewinnung neuer Investoren erschließen.


These Nummer vier: Die 50 plus eins-Regel muss jetzt kippen; das heißt, die Vereine sollten also nicht mehr zwingend die Mehrheit der Anteile bei einer ausgegliederten Kapitalgesellschaft besitzen.

Hierl: Befragt man hierzu Anhänger von Hannover 96 (Martin Kind) oder von 1860 München (Hasan Ismaik), würden schnell auch die Vorzüge dieser Regelung deutlich werden. Diese nationale Sonderregelung sollte daher zwar wie so vieles in diesen Tagen überprüft werden. Wichtiger wäre aus meiner Sicht allerdings, die Clubstrukturen ausnahmslos zu professionalisieren. Wer als Erstligist mehr als 100 Millionen Euro Umsatz generiert, sollte nicht mit reinen Vereinsstrukturen agieren. Ausgaben insbesondere für Transfers und Spielergehälter sollten zudem reduziert werden. Einigen Clubs ist es bereits gelungen, von den Spielern Solidarität durch Gehaltsverzicht einzufordern. Fälle, bei denen deutlich geringer verdienenden Angestellten Gehälter gekürzt werden oder staatliche Unterstützungsmaßnahmen in Anspruch genommen werden, um damit den Spielerkader zu finanzieren, sollten gesellschaftlich hinterfragt werden. Die Anhänger des FC Liverpool in der Premier League haben in England ja bereits disziplinierend auf die dortige Clubführung eingewirkt, wie zu lesen war.


These Nummer fünf: Begrenzungen bei Gehältern und Ablösesummen müssen her.

Hierl: Prinzipiell sind Vorschläge, die Spielergehälter sowie die Ablösesummen zumindest auf Teamebene zu deckeln, unterstützenswert. So hat beispielsweise Dirk Nowitzki in den letzten Jahren seiner Basketballkarriere bei den Dallas Mavericks auf Teile seines Gehalts verzichtet, um seinem Team finanzielle Möglichkeiten für die Verpflichtung von jüngeren Spielern zu eröffnen.


These Nummer sechs: DFL-Corona-Bonds (also gemeinsame Anleihen der beiden Profiligen) sind für finanzschwächere Vereine ein Ausweg aus der Krise.

Hierl: Von außen betrachtet könnte das Fußball-Geschäft durchaus solidarischer gestaltet werden. Insbesondere die finanzielle Spreizung zwischen den Teilnehmern an der Champions League und den dafür nicht qualifizierten Clubs ist zu groß. Wenn die Höhe von Gehältern und Ablösesummen unreguliert bleiben soll, könnte auch Folgendes überlegt werden: In Anlehnung an den Einlagensicherungsfonds bei Banken könnte jeder Club zur Abführung eines zusätzlichen Solidaritätsbeitrags an die DFL verpflichtet werden. Als Bemessungsbasis für den prozentualen Wert (beispielsweise zehn Prozent) könnten die Summe der Spielergehälter sowie die Summe der bezahlten Ablösesummen zugrunde gelegt werden. Vor einer Auszahlung aus diesem Solidartopf an notleidende Clubs sollte allerdings deren Umgang mit Finanzmitteln und damit der selbst zu verantwortende Anteil an der Notlage begutachtet werden.


These Nummer sieben: Die deutschen Clubs sind in der Krise im internationalen Vergleich besser aufgestellt.

Hierl: Die deutschen Vereine liegen hinsichtlich ihrer Finanzkraft zwar hinter den britischen, können insgesamt aber im Durchschnitt über deutlich mehr Einnahmen verfügen als die Vertreter aus den übrigen mehr als 50 Uefa-Nationen. Abgesehen vom FC Barcelona, Real Madrid und Paris St. Germain erreichen selbst in Spanien und Frankreich nur wenige Clubs die Finanzkraft eines Bundesligisten.

Florian Huber
Fotos: Igor Link/stock.adobe.com, Huber
Fotos: Igor Link/stock.adobe.com, Huber

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